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Bürgerinitiative Oderberger Straße

Berliner Zeitung 04.10.2007

Jetzt geht's um die Beete

Die Oderberger Straße soll für 2,5 Millionen Euro saniert und – entgrünt werden. Doch die Anwohner nörgeln und schimpfen.

Von Stefan Strauss

PRENZLAUER BERG. So etwas passiert nicht oft: Das Land Berlin stellt 2,5 Millionen Euro bereit, damit die Oderberger Straße gründlich und denkmalgerecht saniert werden kann und Schlaglöcher sowie Schäden in Gehwegen verschwinden. Doch die Anwohner nörgeln und schimpfen. Sie wollen das Geld vom Staat gar nicht haben. Denn die Umbaupläne finden sie "langweilig" und eine Sanierung sei gar nicht nötig, sagen sie. Die Bewohner reden vom "morbiden Charme" und "dem besonderen Geist ihrer Straße", den die Pankower Behörde mit dem Umbau der Straße vernichten würde.

Was die Bewohner am meisten ärgert: In den Umbauplänen sind die vielen Blumenkübel und Beete, die Anwohner und Ladenbesitzer in den vergangenen Jahrzehnten auf den breiten Gehwegen angelegt haben, nicht mehr zu finden. Sie sollen weg. Manche Bäume sind schon 15 Jahre alt, in den Beeten wachsen Blumen und Rankpflanzen. Daneben auf den Holzbänken sitzen im Sommer Anwohner und Touristen vor den vielen Cafés, Bars, Kneipen und Restaurants, vor Mode- und Second-Hand-Läden mitten im Szenekiezes rund um die Kastanienallee. "Wir lieben die Oderberger, weil sie so schön grün ist", sagt Anwohnerin Heike Dorsch. "Hier herrscht eine gute Lebensatmosphäre. Dazu trägt auch das viele Grün bei", sagt Bernd Krüger. Und der Designer Frank Möller findet, die Blumenkübel seien "fantasievoll" gestaltet. "Warum schafft man das ab?"

Mit dieser Frage muss sich nun der zuständige Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) beschäftigen. Er sagt, viele der selbst gepflanzten Bäume stünden nicht verkehrssicher und müssten entfernt werden. "Wenn wir die Straße umbauen, dann werden wir nicht um die Blumenkübel herumbauen."

Straßenbäume bleiben stehen

Die Straße hätte eigentlich schon zu Beginn der 1990er-Jahre saniert werden müssen. Doch damals fehlte das Geld. Nun wird der Umbau aus dem Landesprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz finanziert. "Dafür gibt es feste Vorgaben", sagt Christoph Speckmann von der Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung S.T.E.R.N. Die ist verantwortlich für den Umbau der Straße. Straßenbäume wie Platanen und Rotdorn bleiben stehen, alte DDR-Straßenlaternen sollen gegen Schinkelleuchten ausgetauscht und neue Gehwegvorstreckungen errichtet werden. Im Herbst 2009 sollen die Arbeiten beginnen.

Das wollen viele Anwohner verhindern und organisieren den Protest. An Bäumen entlang der Straße hängen schon schwarze Bänder. Mit Behördenvertretern wollen Anwohner jeden Baum und jedes Beet einzeln begutachten, alle Bewohner sollen befragt werden, was sie über die geplante Sanierung denken.

Für Jörg Beuge vom Tiefbauamt Pankow steht fest: "Wir werden nicht jeden Wildwuchs erhalten können", lediglich "grüne Barrieren", also kleine Blumenkübel. Ausnahmen von den Regelungen für den Denkmalschutz fordert der Kulturmanager Max E. Neumann, der in der Oderberger Straße 20 Jahre lebte und heute im Pankower Kulturausschuss arbeitet. "Die Blumenkübel stehen im engen Zusammenhang mit den Anwohnern und ihrer Geschichte. Sie prägen den besonderen Charakter der Straße."

Stadtrat Kirchner will einen Kompromiss finden. "Das wird ein mühseliger Weg, alle Interessen unter einen Hut zu bringen." Denn viele Bewohner der Oderberger sind plötzlich wieder aktiv in ihrem Kiez, wie sie es so oft in den vergangenen Jahrzehnten waren: "Wir wollen weiter in der grünen Oase Oderberger leben", sagt ein Anwohner.

Chronik einer Straße

Die Wohnhäuser in der Oderberger Straße entstanden zwischen 1860 und 1880. Das Stadtbad wurde nach den Plänen Ludwig Hoffmanns 1902 im Renaissance-Stil errichtet. Während der Teilung Berlins verlief die Mauer am westlichen Ende der Straße.

Die Straße entwickelte sich in den 1980er-Jahren zu einem Treffpunkt von Künstlern und DDR-Oppositionellen. Sie kamen in Kneipen wie dem Oderkahn, in Wohnungen sowie im Hirschhof zusammen. Viele Anwohner engagierten sich im Wohnbezirksausschuss (WBA).

Der Hirschhof ist ein versteckter Platz inmitten der Hinterhöfe. Er eröffnete 1985. Dort hatten Anwohner einen Park mit Freilichtbühne errichtet. Sie feierten Feste, organisierten Theateraufführungen, Lesungen und Konzerte.

Die Anwohner erfuhren 1986 durch die DDR-Bauakademie von Abrissplänen: Die alten Häuser sollten abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Für die Mieter sollte ein Hochhaus in der Michelangelostraße in Prenzlauer Berg gebaut werden. Die Anwohner protestierten, die Pläne wurden aufgegeben.

Nach der Wende organisierten Anwohner Proteste gegen anstehende Mietsteigerungen und Vertreibungen. Aus dem einstigen WBA ging die Initiative "Wir bleiben alle" hervor.

Das Stadtbad Oderberger Straße wurde im Jahr 2002 von Anwohnern und Unterstützern für 140 000 Euro vom Land Berlin gekauft. Sie planen die Instandsetzung des Bades. Die Straße gilt in Berlin als Touristenmeile. Alle Häuser sind saniert, es gibt viele Kneipen, Restaurants und Modeläden.

Berliner Zeitung vom 4.10.2007, Lokales – Seite 28

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