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Bürgerinitiative Oderberger Straße

strassenfeger 22/2007

Die Oderberger Straße könnte es schaffen – BVV stoppt heftig kritisierten Sanierungsplan

Am 9. Oktober schlugen sich die Pankower Bezirksverordneten auf die Seite der AnwohnerInnen der Oderberger Straße und stellten den für Tiefbau zuständigen Stadtrat Nilson Kirchner (Grüne) in den Regen: Der BVV-Ausschuss für Verkehr beschloss, dass das Bezirksamt in enger Abstimmung mit der "Bürgerinitiative Oderberger Straße" (BIOS) ein neues Planwerk für die denkmalgerechte Sanierung von Gehwegen und Fahrbahn erarbeiten soll. Ausgangspunkt soll das seit der Wende gewachsene Erscheinungsbild der Oderberger Straße sein; "mindestens 90 Prozent" des vorhandenen "Straßenbegleitgrüns" sollen erhalten bleiben.

"Das ist jetzt ein entscheidender Punkt für uns", freut sich Karin Polliweit von BIOS. "Der Bezirk hat verstanden, dass es ohne uns keine Planung gibt." Dies hat die Bürgerinitiative in nur einem knappen Monat erreicht. Als das Bezirksamt Mitte September den jetzt verworfenen Sanierungsplan öffentlich vorgestellt hatte, hatten die AnwohnerInnen der Oderberger erst einmal mit Entsetzen und Ablehnung reagiert. Sollten doch die in fast 20 Jahren herangewachsenen, von den AnwohnerInnen gepflanzten Bäume und Hochbeete ebenso verschwinden wie die Sitzmöbel rund um die Baumscheiben der Rotdorne. Das Bezirksamt führte die vermeintliche mangelnde Standsicherheit und Illegalität der Installationen ins Feld. Sichtlich überrascht von der Vehemenz und der Güte der Argumente, mit denen die AnwohnerInnen den spezifischen Charme und die durch das selbst gepflanzte Straßengrün geprägte Wohnqualität der Oderberger Straße verteidigten, sagte Stadtrat Kirchner immerhin eine Einzelfalldebatte über jedes Stück gewachsenes Grün zu.

Nach der Bürgerversammlung krempelten die AnwohnerInnen der Oderberger die Ärmel hoch. Sie gründeten die BIOS. Die BIOS kennzeichnete die zum Tode verurteilten Pflanzungen und Hochbeete, um die Öffentlichkeit auf den Casus belli aufmerksam zu machen. Sie erarbeitete ein Straßengrün-Kataster, das 160 verschiedene Arten ausweist. Sie organisierte – unterstützt von Studierenden der TU Berlin – je eine Befragung der AnwohnerInnen und der Gewerbetreibenden der Oderberger Straße. Die Anwohnerbefragung, die mit einem Rücklauf von 30 Prozent repräsentativ ist, ergab übrigens, dass die Gehweg- und Straßensanierung mitnichten abgelehnt wird (52,4 Prozent). 58 Prozent der AnwohnerInnen wollen mehr Grün in der Straße, etwa die Hälfte der Befragten hält jedoch den Pflegezustand des Grüns für verbesserungswürdig. Sehr zum Leidwesen einiger BIOS-AktivistInnen sprachen sich 63 Prozent der Befragten dagegen aus, die Anzahl der Parkplätze zu reduzieren. Also alles wie im richtigen Leben, nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass in der Oderberger Straße Einigkeit darüber herrscht, 2,5 Millionen Euro Bundesmittel aus dem "Programm Städtebaulicher Denkmalschutz" nicht blindwütig, sondern mit Köpfchen auszugeben.

Die "Bürgerinitiative Oderberger Straße" weiß, dass jetzt die Arbeit erst richtig beginnt. Innerhalb der kommenden sechs Monate soll die Alternativplanung für die Straßen- und Gehwegesanierung erarbeitet werden. Für Karin Polliweit ist klar, dass der BIOS-Arbeitsgruppe "Technik und Recherche" dabei eine Schlüsselrolle zukommt. Die Arbeitsgruppe muss sowohl die Lage und den Zustand der zu sanierenden Ver- und Entsorgungsleitungen erfassen als auch möglichst viele Informationen über die Oderberger im wechselvollen 20. Jahrhundert zusammentragen.

Der BIOS-Aktivist Berend Waterham, ein bedächtiger Niederländer, hat die Umfrage unter den Gewerbetreibenden der Oderberger Straße durchgeführt. Er ist stolz darauf, dass 90,1 Prozent der Gewerbetreibenden mit ihm gesprochen und ihm die Lage ihrer Betriebe offengelegt haben. Demnach werden in der Oderberger pro Jahr etwa zwölf Millionen Euro umgesetzt; der Umsatz pro MitarbeiterIn sei relativ gering. Waterham verweist auf die Aussage von Stadtrat Kirchner, dass die Straßensanierung im Herbst 2009 beginnen und sich bis 2011 hinziehen soll. Allein in 2009 könnten die Betriebe in der Oderberger 8,8 Millionen Euro Verlust machen, 200 Arbeitsplätze könnten gefährdet sein. Waterham appelliert, bis zum Sanierungsbeginn "die Spannung zu erhalten". Die BIOS-Aktionsgruppe soll weiterbestehen und die kulturelle Begleitung der Baustelle vorbereiten.

Anne Landsberg

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